Pirates! kommt aufs iPad. Ich komme ins Grübeln.

2. August 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Fuß. Socken. Biowärmeflasche.

Wer freut sich schon über einen Bänderriss? Die Aussicht, zwei Wochen mit hochgelegtem Fuss auf der Couch zu verbringen, reizt begrenzt. Und dennoch verspürte ich am Tag nach meinem Bänderrisses einen Schauer im Rücken. Sid Meiers Pirates! erschien für das iPad. Und die kommenden Tage schienen mir dann doch recht leicht zu füllen.

(Konsolen-)Games sind eine Leidenschaft, in die seit 25 Jahren nicht unerhebliche Summen meines Einkommens fliesst. Dementprechend meine Auswahl an Zeitvertreibern. Aber nur in wenigen Titeln kann ich so versinken, wie in den Klassikern der 80ern oder ihren Remakes – Titeln, die ich mit 10 bis 13 Jahren gespielt habe. Pirates. Populus. Kaiser. Und mir wird es da nicht alleine gehen.

„Reine Nostalgie“ mag man da rufen. Investiere 2.99€ und du erhältst ein Spiel, das du kennst, beherrscht und bei dir wohlige Erinnerungen wachruft. Ja, Nostalgie spielt eine gewichtige Rolle. Aber Einfachheit vielleicht eine noch größere.

Klar, ein bekannter Klassiker ist (natürlich) schneller zugänglich. Man kennt die Steuerung, die Erfolg versprechenden Strategien und die Stolpersteine im Spiel. Aber unabhängig davon: Games haben mittlerweile einen Komplexitätsgrad in Steuerung und Spielmechanik, der am Anfang durchaus demotivierend wirken kann. Meine Eindruck ist, dass Klassiker den Spagat zwischen Spielspass und Lernaufwand besser ausbalanciert haben. Damit bieten sie schnell einen Grad an Spielspaß, den mir moderne Titel erst nach einem halbstündigen Tutorial liefern.

Keinen Vorwurf an heutige Spielentwickler: die Entwicklung hin zu komplexeren Spielen dürfte wohl systemimmanent sein. Jedes neue Spiel soll besser sein als sein Vorgänger oder der Genre-Benchmark. Jede technische Plattform will ausgereizt werden. Mehr Wow. Mehr Handlungsoptionen. Bessere Story. Bessere Grafik. Diese Entwicklung hat ja im Grunde ein Genre wie Arcade-Games als Gegenentwurf erst sinnvoll gemacht. Kein Wunder, dass gerade Klassiker wie Pirates oft unter diesem Label neu veröffentlicht werden. Und zu Erfolgen werden.

Dieses Hochwertigkeitswettrüsten unter Games hat mehr Schattenseiten. Spiele werden zu fertigen Imaginationsprodukten ohne echte Uneindeutigkeiten. Sie eignen sich immer weniger als Grundstoff für eigene imaginierte Welten. Ich will das kurz erklären.

Als ich Anno ’86 das erste mal auf der (nur mühevoll als solche zu erkennenden) Brüstung der Stadtmauer von Havanna mit meinem grobpixeligen Charakter den spanischen Kommandanten in die Knie zwang, sorgte das in meinem 11-jährigem Schädel für ein wahres Assoziationsfeuerwerk aus Piratenfilmen, -büchern und -Geschichten meines Vaters. Die grafische Limitiertheit (so sah das seinerzeit aus) des Spiels wirkte mehr als Inspiration oder Katalysator, woraus ich mir meine eigene Welt und Story erträumen konnte. Diese Magie von Spielen begegnet mir bis heute nur bei Klassikern. Die Ausnahme: Fussballmanager. Passenderweise dann, wenn ich zur Spieldarstellung einen limitierten Tickermodus wähle.

Ich glaube es ist genau dieser Effekt, der einen sagen lässt, ein Buch sei besser als seine Verfilmung (und man sagt es immer.) Weil eine aufgeschriebene Geschichte immer mehr Raum für meine eigene Lesart bietet.

Welche eigene Imagination mag man einer exakt durchdachten, verkörperten und vermarkteten Idee von Piratentum entgegensetzen, wie sie Jack Sparrow darstellt? (Die dann als Lego-Variante auf Konsolen spielbar wird.) Oder dem Storytelling von L.A. Noir? Im Grunde braucht es hier keine Vorstellungskraft. Diese Erzählungen sind perfekt. Oder?

Ja. Aber das dürfte wohl egaler sein, als man es als Mitt-Dreissiger wahrhaben will. Vielleicht ist es nur die Bequemlichkeit des Erwachsenen, die meint Perfektion zu erkennen und darauf verzichtet die Story weiterzuspinnen. Ich glaube, Kinder werden das anders sehen. Sie werden sich einen Dreck um vorgegebene Deutungen scheren. Sie werden ihre eigenen Geschichten erzählen.

Insofern will ich gar nicht jammern. Ich freue mich einfach auf kommende Zeitmaschinen in Games-Form, genauso wie auf künftige Hochleistungstitel, die meine Xbox zum dampfen bringen. Schliesslich habe ich jetzt genug Zeit, meine Bestände durchzuspielen.

Guten Morgen

25. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

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